Montag, 12. Mai 2014

Das Licht der Sonne, Teil 4

Alle Hunde trafen sich, um herauszufinden, warum die Sonne für sie nicht scheint, doch für den Igel schon. "Weil ich mich freue.", hatte er immer gesagt, aber das wollten sie nicht glauben.
"Vielleicht liegt es an seinen Stacheln.", rätselten sie. "Oder weil er so klein ist."
Letztlich kamen die Hunde zu keinem Ergebnis und waren der einfachen Meinung, sie würden generell benachteiligt.
Als plötzlich der Igel auftauchte, begannen die Hunde ihn zu beschimpfen, weil er ja einen unfairen Vorteil hätte.
Der Igel sagte nur: "Ihr habt doch kürzlich erst behauptet, das stärkste und mächtigste Wesen überhaupt zu sein, wie könnt ihr euch jetzt benachteiligt fühlen?"
"Die Sonne...", meinten die Hunde.
Der Igel antwortete: "Freut euch, glaubt mir, dann wird sie auch für euch scheinen. Ihr werdet sehen, dass das Licht der Sonne mehr Wert sein kann als Stärke und Macht."

Samstag, 10. Mai 2014

Das Licht der Sonne, Teil 3

"Warum scheint die Sonne nicht?", fragten sich mehrere Hunde klagend.
Ein Igel kam und sagte: "Freut euch!"
Die Hunde fragten: "Worüber sollen wir uns freuen?"
Der Igel antwortete: "Darüber, dass die Sonne schon so oft zuvor schien. Warum soll sie scheinen, wenn ihr euch nie darüber freut?"


Donnerstag, 8. Mai 2014

Das Licht der Sonne, Teil 2

Ein Hund wollte bei Regen eine sehr stark befahrene Straße überqueren. Da er sich über die Gefahren im Klaren war, tat er dies mit großer Vorsicht und Obacht. Doch da erfasste ihn ein Auto.
Ein anderer Hund wollte bei Regen die gleiche Straße überqueren. Er hatte mitbekommen, dass sein Vorgänger diesen Weg nicht überstanden hatte, von daher war er noch vorsichtiger, sah sich noch gründlicher um. Doch auch ihn erfasste ein Auto.
Ein Igel wollte diese Straße überqueren, ohne dass er von den Gefahren oder seinen Vorgängern wusste. Er wurde nicht von einem Auto erfasst und erreichte die andere Straßenseite. Die Sonne schien und er freute sich.

Dienstag, 6. Mai 2014

Das Licht der Sonne, Teil 1

Ein Igel traf auf einen Hund.
Der Hund sagte zum Igel: "Ich bin das stärkste und mächtigste Wesen, das es überhaupt gibt!"
Der Igel antwortete: "Das stimmt nicht! Wenn ich will, kann ich stärker und mächtiger sein als du."
Der Hund reagierte empört: "Beweise mir das! Bist du etwa in der Lage, den Berg dort hinten zu verschieben?"
Problemlos verschob der Igel den Berg.
Der Hund war erstaunt und fassungslos: "Wie hast du das gemacht?"
Der Igel sagte: "Die Sonne scheint."
Dann ging er weiter und freute sich, der Hund blieb wütend im Regen stehen.

Montag, 5. Mai 2014

Die Kunst der Wertschätzung

Es gab einmal einen Mann, der ein Liebhaber der schönsten Edelsteine war.
Er suchte und sammelte die Schönsten und Auffälligsten, deren Preise mehr als unverschämt hoch waren.

Doch eines Tages rückte ein Stein in den Fokus des Liebhabers, den er bis dahin noch nie so wahrgenommen hatte, obwohl er praktisch schon immer um ihn herum gewesen war.
Zwar war er nicht der Teuerste, auch nicht der Größte und erst recht nicht der Begehrteste, doch er war von einem Tiefgang und einer in sich geschlossenen Perfektion, dass der sonst so redegewandte Mann nicht imstande war, den Stein zu beschreiben. Er zweifelte und verzagte, da er fürchtete, den Edelstein nicht so schätzen zu können, wie es ihm gebührte, doch er wagte den Schritt und setzte alles daran, den Stein sein Eigen nennen zu können.

Als der Liebhaber sein Ziel erreicht hatte, stellte er ihn gut sichtbar in seinem Haus auf, machte ihn zum Zentrum des gesamten Gebäudes. Und jedes Mal, wenn er den Stein sah, funkelten seine Augen heller als die Sterne, und es dauerte eine Weile, bis er sich vom Anblick lösen konnte.
Doch mit der Zeit verschwand das Funkeln und die Zeit, die er sich nahm, seinen Stein zu betrachten, wurde kürzer.
Der Stein, den er einst so geliebt hatte, wurde immer uninteressanter für ihn, bis er dann schließlich begann, sich nach einem neuen Edelstein umzusehen. Er fand auch viele Schöne, doch sie alle waren nicht perfekt und würden noch den letzten Schliff benötigen, bevor sie wirklich perfekt für ihn waren.
Er betrachtete einige und er tat es lange und eingehend, doch musste er schnell feststellen, dass dieser letzte Schliff schwierig zu bewerkstelligen sein würde, da der Stein dabei den individuellen Charakter verlor, den er so schätzte.

Eines abends begab sich der Liebhaber zu einer Gala, auf welcher die schönsten und prachtvollsten Edelsteine der Welt gezeigt werden sollten, und der Liebhaber war sich sicher, dass dies seine letzte Chance sein würde, das begehrte Objekt zu finden.
Doch als er den Saal betrat, verschlug es ihm die Sprache und er blieb wie angewurzelt stehen.
Dort, in der Mitte des Saales, war eine riesige Menschenmenge um einen wunderschönen, ja gar perfekten Edelstein versammelt... um seinen Edelstein!
Der Liebhaber musste sich erst einmal setzen, denn er glaubte bereits, den Stein aufgrund seiner eigenen Dummheit und Erblindung verloren zu haben, als einer der Gastgeber auf ihn zukam, und ihn freundschaftlich grüßte, obwohl er den Mann noch nie gesehen hatte.
Der Gastgeber setzte sich zum Liebhaber und bedankte sich überschwänglich für die Möglichkeit, den Stein zu präsentieren. Er wurde auch nicht müde zu versichern, dass der Stein in guten Händen sei und am vereinbarten Termin zurück zum Liebhaber komme.
Dem Liebhaber fiel ein Stein vom Herzen, als er erkannte, dass er den Edelstein doch nicht verloren hatte, und er schwor sich, niemals wieder die Schönheit dessen, was er bereits besaß, zu verkennen.

Später an diesem Abend hörte er von einem Mann in einer ähnlichen Lage, der seinen ehemals geliebten Edelstein gegen einen neuen tauschte, und diesen Tausch bitter bereute, als er erkannte, dass er damit verloren hatte, was er all die Zeit gesucht hatte...

Donnerstag, 1. Mai 2014

Lebenswege, Part I

Ich gehe meine Straße entlang. 
Hier sehe ich ein mir bekanntes Gesicht, dort höre ich einen Namen. Überall stehen oder laufen die Menschen, sehen nach links, blicken nach rechts. Manche mustern den Boden, andere schauen in den Himmel. Einige grüßen mich, andere ignorieren mich. Hin und wieder bleibe ich stehen, um ausführlich mit einigen zu sprechen, manche gesellen sich hinzu, andere gehen wieder.
Ich gehe weiter und treffe einen alten Freund, den ich lange nicht mehr sah. Ich grüße ihn, doch er kennt nicht mal mehr meinen Namen.

So geht es tagein, tagaus. 
Tag für Tag gehe ich diese Straße entlang, manchmal schlage ich auch einen neuen Weg ein, doch meistens sehe ich dieselben Menschen, manchmal kommen auch neue hinzu. Insgesamt sind es aber immer dieselben, mit denen ich rede, dieselben, die ich grüße, dieselben, die mich bereits vergessen haben. Die wenigen Neuen, die ich gestern oder vielleicht auch schon vorgestern traf, bemerken mich nur am Rand, sie können sich gerade noch so an mich erinnern.


Ich mache mir keine Illusion, als ich selbst abermals anhalte, und das Geschehen in Ruhe betrachte:
Morgen werde ich den einen oder anderen vergessen haben, der mir gestern noch unentbehrlich schien.