Sonntag, 21. September 2014

Sterne sehen

Es gibt Menschen, wenn man ihnen sagt: "Schau mal in den Himmel, so viele schöne Sterne dort.", dann blicken sie kurz hinauf, sagen: "Ja." und gehen weiter. Sie gehen ihren Weg, geradeaus, ohne zur Seite, nach oben, nicht selten auch ohne nach hinten oder gar nach vorn zu schauen. Ihre Welt ist grau und das bemerken sie oftmals gar nicht.
Aber auch gibt es Menschen, wenn man ihnen sagt: "Schau mal in den Himmel, so viele schöne Sterne dort.", dann schauen sie hinauf, halten ihren Blick lange oben, überlegen, welcher Stern der schönste ist und rätseln, wie die ganzen Sterne dort wohl hingekommen sind, alles mit einem Lächeln im Gesicht. Während sie ihren Weg gehen, beobachten sie ihre Umwelt, sehen nach hinten, nach vorn und zur Seite, ihre Welt ist farbenfroh.
Wenn Menschen aus der grauen Welt auf Menschen aus der farbenfrohen Welt treffen, fragen sie sich, warum diese einen so großen, aus ihrer Sicht unnötigen Aufwand betreiben, nur um die Welt um sie herum anders wahrzunehmen.
Doch schon bald laufen so manche jener Menschen aus der grauen Welt direkt auf einen Abgrund zu, ohne es zu bemerken. Die Menschen aus der farbenfrohen Welt bestimmen ihren Weg in Richtung des schönsten Sterns und fragen sich: "Warum machen es nicht alle wie wir? Es ist doch so einfach."

Donnerstag, 18. September 2014

Der Umgang mit der Angst

Es gab einmal einen jungen Erwachsenen, der das Segeln über alles liebte, und vor keiner Herausforderung zurückschreckte.

Doch es kam der Moment, der früher oder später immer kommen musste: Der junge Mann segelte eine Strecke, die er zu kennen dachte, und wurde von der rauen See überrascht, die ihn kurze Zeit später fast kentern ließ. Er fühlte sich ausgeliefert und entkam den Unheil nur knapp. Als er im sicheren Hafen ankam, war er vollkommen außer Atem, denn so eine Situation hatte er vorher noch nicht erlebt. Natürlich waren ihm die Risiken gewusst gewesen, einer seiner Mentoren hatte ihn gewarnt, dass es so kommen könnte, er hatte sogar versucht, seine Warnung zu berücksichtigen, und doch wäre beinahe genau das passiert, wovor er gewarnt worden war. Es erschütterte ihn und nahm ihm für eine Zeit jegliche Selbstsicherheit. Seine Kameraden und Mentoren hatten ihn ermutigt und spekuliert, er würde sich bald wieder an neue Herausforderungen herantrauen.
Doch es dauerte, bis er sich wieder bereit fühlte.

Während seine Kameraden neue Gewässer ausprobierten, und dabei teilweise kläglich scheiterten, widmete er sich bekannten und ruhigen Gefilden. Er probierte nichts aus, denn er war überzeugt, dass er auch dort genug Erfahrungen würde sammeln können, denn er wusste, dass er erst einmal seine Selbstsicherheit zurückerlangen musste. Doch mit der Zeit erkannte er, dass ihm die Herausforderung fehlte, dass er sich wieder an Neues herantasten wollte. Und so geschah es, dass er beim Segeln eine neue Strecke ausprobierte, die ihn vor neue Herausforderungen stellte, welche er gut meisterte. Er fand wieder mehr zu seinem alten Mut, Segeln war nicht mehr nur eine Routine, es machte ihm wieder mehr und mehr Spaß.
Nach einer Weile erkannte er aber, dass er sich der Route, an der er gescheitert war, noch einmal würde stellen müssen, um nicht mehr nur ein Schatten seiner Selbst zu sein.
Wieder und wieder weckte ihn die Route aus seinem Träumen, sein Scheitern verfolgte ihn.
Also stellte er sich seiner Angst, die bisher über ihn lachte. Er war wieder und wieder über sich hinausgewachsen und auch dieses Mal würde er es schaffen.

Er schnappte sich sein Boot, machte die Leinen los, fuhr hinaus auf das unruhige Meer, weiter, immer weiter, bis er die Stelle erreichte, an der er gescheitert war. Auf einmal erinnerte er sich besser an das, was damals passiert war, die Angst überfiel ihn. Doch er war bereit. Er machte weiter, umfuhr die schwierigen Stellen und erkannte, dass er es damals nicht hätte besser machen können. Dies war eine schwierige Stelle, an der selbst einige gescheitert wären, die weitaus mehr Erfahrung hatten als er, denn er hatte sich nie Illusionen hingeben: Er war ambitioniert, ja, aber er war nicht perfekt, er war, wenn man ihn mit anderen verglich, irgendwie immer noch eine Art Anfänger. Als er die schwierigen Stellen hinter sich hatte, ließ er sich treiben und atmete erleichtert aus. Auf einmal fühlte er sich wieder viel besser.

Als er die nächsten Tage den Hafen verließ, merkte er, wie die Leichtigkeit und das Selbstbewusstsein, die er so lange vermisst hatte, zurückkehrten. Ja, es hatte ihm viel Spaß gemacht, aber so war es unbeschreiblich schön. Es fühlte sich fast so an, als hätte er vergessen gehabt, wie schön das Segeln wirklich sein kann.

Er lächelte. Es würden neue Gefahren und Herausforderungen auf ihn zukommen, doch auch sie würde er meistern. Er hatte sich seiner größten Angst, die ihn so lange verfolgt hatte, gestellt, seinen Dämonen besiegt. Er hatte das Gefühl, endlich wieder er selbst und nicht mehr nur sein Schatten zu sein.

Mittwoch, 17. September 2014

Der Baum

 

War es Fluch oder Segen, fragte sich der verwirrte Holzfäller, als er einen prachtvollen Baum emporblickte, den er fällen wollte, dass dieser Stamm so wunderschön wirkte. Er könnte natürlich - gerade weil er so prachtvoll und vital anmutete - noch keinen Specht oder Pilz in sich nisten haben. Vielleicht war aber auch genau das Gegenteil der Fall. Vielleicht hatten irgendwelche Parasiten schon längst Besitz von diesem Baum ergriffen, da sie genau diese Lebenskraft in ihm sahen, die der Mann jetzt erkannte - oder zu erkennen glaubte. Wenn dies der Fall war, hätten die Fremdlinge den Holzfäller um seinen möglichen Gewinn gebracht.
War es Fluch oder Segen, dass der Baum genau auf seinem Grundstück stand? Sicherlich - zweifelsohne wäre es einfacher, ihn zu fällen, da die Behörde keine Schwierigkeiten machen würde - allerdings dachte sich der Mann: Was ist, wenn dieser Baum - einmal mitsamt der Wurzeln herausgerissen - ob seiner Größe nicht vielleicht das gesamte Wurzelsystem zerstören würde? Hätte er nicht viel mehr davon, wenn er sich mit einem kleineren Baum begnügte? Dadurch würde zumindest nicht die Landschaft zerstört werden, die seine Existenz bedeutete, und die er sich mühevoll aufgebaut hatte. Er blickte diesen Riesen empor, konnte sich ihm nicht entziehen - und verwarf den Gedanken an einen anderen Baum wieder.
 Er starrte den Baum eine lange Zeit an, ohne dass ihn so wirklich die Entschlossenheit ergriff, die er benötigte, den Baum zu fällen. Sie konnte allerdings jederzeit kommen, die Gewissheit die Säge zu erheben und an die Tat zu schreiten - doch noch war es nicht so weit, noch wurde ihm Angst und Bange, wenn der Holzfäller diesen Giganten bis in die Wipfel hinaufschaute. Er hatte eine ganze Weile keinen klaren Gedanken hervorgebracht, doch nun fuhr es ihm wie ein Schauer über den Rücken:
War es Fluch oder Segen, dass das Holz des Stammes so fest und der Durchmesser so überdimensional groß war? Natürlich hätte der Arbeiter eine Menge Kapital aus den Massen an Holz - und das auch noch von so unnachahmlicher Qualität - schlagen können, doch auf der anderen Seite hätte der arme Mann eine Menge Benzin und Energie verloren, würde es nicht gelingen, diesen Koloss zu fällen, was für den Mann, der es gewohnt war, ständig von der Hand in den Mund zu wirtschaften, vielleicht den finanziellen Ruin bedeuten würde. Und nun quälte ihn eine Frage, die er als die bisher schlimmste Ungewissheit ansah:
War es Fluch oder Segen, dass dem Mann die Holzart nur sehr vage bekannt war? Lediglich Kollegen seiner Zunft hatten es bisher mit derartig besonderem Material zu tun gehabt. Sie hatten wieder und wieder davon geprahlt, wie sie einfach die Säge gehoben, den Baum umgeschmissen und eine Menge Geld verdient hätten. Doch was wenn der Holzfäller in diesem Falle nicht so viel Glück haben würde? Was wenn der Baum zu schwer war? Was wenn eine Kerbe nicht reichte, wenn ihn dieses Prachtstück erschlagen würde?
In seine Gedanken vertieft, den Baum anstarrend, hatte der Holzfäller nicht gemerkt, dass es zu dämmern begann. Er stapfte nach Hause zu seiner Hütte, aß - wie jeden Abend ein Butterbrot, trank - wie jeden Abend - seinen Früchtetee und ging- wie jeden Abend - zeitig um neun Uhr ins Bett. Seine Gedanken allerdings kreisten weiterhin bei allen seinen Handlungen, bei jeder seiner Bewegungen, bei jedem seiner Atemzüge - um den Baum.
Als der Mann endlich einschlief, träumte er von seinem Grundstück, davon, wie sein Urgroßvater eines sonnigen Frühlingstages einen Samen in die Erde grub. Wie dieser Samen spross. Wie ein Bäumchen, aus dem Bäumchen ein Baum und aus dem Baum nach und nach ein riesiger Koloss entstand. Dann kam er ins Bild, verweilte eine Weile unter dem Baum und hob nun selbstbewusst die Kettensäge. Der Mann hatte keine Mühe, er fällte den Riesen einfach.

Wenn es doch auch im echten Leben nur so leicht wäre...