Mittwoch, 17. September 2014

Der Baum

 

War es Fluch oder Segen, fragte sich der verwirrte Holzfäller, als er einen prachtvollen Baum emporblickte, den er fällen wollte, dass dieser Stamm so wunderschön wirkte. Er könnte natürlich - gerade weil er so prachtvoll und vital anmutete - noch keinen Specht oder Pilz in sich nisten haben. Vielleicht war aber auch genau das Gegenteil der Fall. Vielleicht hatten irgendwelche Parasiten schon längst Besitz von diesem Baum ergriffen, da sie genau diese Lebenskraft in ihm sahen, die der Mann jetzt erkannte - oder zu erkennen glaubte. Wenn dies der Fall war, hätten die Fremdlinge den Holzfäller um seinen möglichen Gewinn gebracht.
War es Fluch oder Segen, dass der Baum genau auf seinem Grundstück stand? Sicherlich - zweifelsohne wäre es einfacher, ihn zu fällen, da die Behörde keine Schwierigkeiten machen würde - allerdings dachte sich der Mann: Was ist, wenn dieser Baum - einmal mitsamt der Wurzeln herausgerissen - ob seiner Größe nicht vielleicht das gesamte Wurzelsystem zerstören würde? Hätte er nicht viel mehr davon, wenn er sich mit einem kleineren Baum begnügte? Dadurch würde zumindest nicht die Landschaft zerstört werden, die seine Existenz bedeutete, und die er sich mühevoll aufgebaut hatte. Er blickte diesen Riesen empor, konnte sich ihm nicht entziehen - und verwarf den Gedanken an einen anderen Baum wieder.
 Er starrte den Baum eine lange Zeit an, ohne dass ihn so wirklich die Entschlossenheit ergriff, die er benötigte, den Baum zu fällen. Sie konnte allerdings jederzeit kommen, die Gewissheit die Säge zu erheben und an die Tat zu schreiten - doch noch war es nicht so weit, noch wurde ihm Angst und Bange, wenn der Holzfäller diesen Giganten bis in die Wipfel hinaufschaute. Er hatte eine ganze Weile keinen klaren Gedanken hervorgebracht, doch nun fuhr es ihm wie ein Schauer über den Rücken:
War es Fluch oder Segen, dass das Holz des Stammes so fest und der Durchmesser so überdimensional groß war? Natürlich hätte der Arbeiter eine Menge Kapital aus den Massen an Holz - und das auch noch von so unnachahmlicher Qualität - schlagen können, doch auf der anderen Seite hätte der arme Mann eine Menge Benzin und Energie verloren, würde es nicht gelingen, diesen Koloss zu fällen, was für den Mann, der es gewohnt war, ständig von der Hand in den Mund zu wirtschaften, vielleicht den finanziellen Ruin bedeuten würde. Und nun quälte ihn eine Frage, die er als die bisher schlimmste Ungewissheit ansah:
War es Fluch oder Segen, dass dem Mann die Holzart nur sehr vage bekannt war? Lediglich Kollegen seiner Zunft hatten es bisher mit derartig besonderem Material zu tun gehabt. Sie hatten wieder und wieder davon geprahlt, wie sie einfach die Säge gehoben, den Baum umgeschmissen und eine Menge Geld verdient hätten. Doch was wenn der Holzfäller in diesem Falle nicht so viel Glück haben würde? Was wenn der Baum zu schwer war? Was wenn eine Kerbe nicht reichte, wenn ihn dieses Prachtstück erschlagen würde?
In seine Gedanken vertieft, den Baum anstarrend, hatte der Holzfäller nicht gemerkt, dass es zu dämmern begann. Er stapfte nach Hause zu seiner Hütte, aß - wie jeden Abend ein Butterbrot, trank - wie jeden Abend - seinen Früchtetee und ging- wie jeden Abend - zeitig um neun Uhr ins Bett. Seine Gedanken allerdings kreisten weiterhin bei allen seinen Handlungen, bei jeder seiner Bewegungen, bei jedem seiner Atemzüge - um den Baum.
Als der Mann endlich einschlief, träumte er von seinem Grundstück, davon, wie sein Urgroßvater eines sonnigen Frühlingstages einen Samen in die Erde grub. Wie dieser Samen spross. Wie ein Bäumchen, aus dem Bäumchen ein Baum und aus dem Baum nach und nach ein riesiger Koloss entstand. Dann kam er ins Bild, verweilte eine Weile unter dem Baum und hob nun selbstbewusst die Kettensäge. Der Mann hatte keine Mühe, er fällte den Riesen einfach.

Wenn es doch auch im echten Leben nur so leicht wäre...   

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