Dienstag, 23. Juni 2015

Der Sprung


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Die Menge hatte ihren Rhythmus gefunden. Erst waren es nur Wenige, die üblichen Verdächtigen eben, die mich schon immer schikaniert und ausgegrenzt hatten. Sie hatten mir mein Buch genommen und gelacht, ich solle mal meinen fetten Arsch bewegen. Es wurden mehr und mehr, als nächstes stimmten die Freundinnen und die, die es gerne wären, in den Chor mit ein. So zog es seine Kreise.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Es ging mir nicht aus dem Ohr. Egal woran ich dachte, egal was ich sagte, ich kam nicht vom Felsvorsprung weg. Ich hatte es ihnen beweisen wollen. Ich war also aufgestanden, nahm all meinen Mut zusammen, und sagte ihrem Anführer ruhig, er möge mir das Buch wiedergeben. Doch er lachte nur.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Und so fasste ich einen Entschluss. Ich ging einen Weg hinauf, der zum höchsten Felsvorsprung am Badesee führte. Da hatte noch keiner geschrien, niemand gelacht, es waren auch noch keine Wetten abgeschlossen worden. Erstaunt hatten sie mir hinterher gesehen, nicht gewusst oder geglaubt, was ich vorhatte.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Ich stand dort oben, bestimmt 20 Meter über dem blauen See. Ich sah hinab und mir wurde schwindelig. Die Angst packte mich, ich wusste, ich würde es nicht packen. Anstatt es ihnen zu beweisen, würde ich endgültig zum Gespött. Ich drehte mich um, doch viele waren mir gefolgt, sie wollten das Spektakel aus nächster Nähe sehen. Am Strand und an anderen Felsvorsprüngen konnte ich sie sehen. Verachtete sie, weil sie gafften.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Keiner von ihnen war bisher von dieser Höhe gesprungen, doch ich hörte die ersten „Feigling!“ und „Versager!“ Rufe. Ich sah zu meinen Freunden hinab, sie waren nicht nach oben gefolgt. So wie ich waren sie Opfer, Ausgegrenzte, sie hätten befürchten müssen, die nächsten zu sein. Ich sah ihren Kummer, ihr Mitleid und ihre Machtlosigkeit. Ich konnte das Getuschel hören, Beträge, die abgeschlossen wurden.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Da hoffte ich, dass ich es mir nur einbilde, doch die Menge rückte näher, da bin ich mir mittlerweile sicher. Instinktiv machte ich einen Schritt zurück. Es fehlte nicht viel, ich wäre fast gefallen. Einen kurzen Moment wurde es still, einige schienen schockiert. Ob sie wohl realisierten, was sie mir antaten? Doch die Wichtigen und Coolen feuerten sie an. Sie wurden frenetischer als zuvor.

Spring! Spring! Spring! Spring! Spring! Spring! Spring! Spring!“

Sie kreischten und jubelten, als ich mich umdrehte und meine Muskeln anspannte. Meine Angst war riesengroß. Ich warte, flüsterte einmal gemeinsam mit der Menge „Spring!“.

Und sprang.

Der Sturz war schnell, auch wenn mir die Sekunden langsam vorkamen. Die Menge verstummte, raunte, jubelte, kreischte, drehte durch.


Erst spülte ich das kalte Wasser. Dann den schlimmsten Schmerz. Schließlich nur noch schwarze Leere.

Mittwoch, 17. Juni 2015

Erinnerungen


Ich komme aus der Dusche, vom warmen Wasser sind die Scheiben und die Spiegel beschlagen. Ich wische über den Spiegel, doch was ich sehe, bin nicht ich. Moment, das bin ich, nur um Jahre jünger. Ich blinzle, das Spiegelbild ist wieder das Erwartete. Ich schüttele den Kopf, ziehe mich an, doch der Eindruck und der Gedanke verschwinden nicht. Ich mache mir einen Kaffee, lasse ihn aber stehen, und gehe zurück ins Badezimmer. Das ist es wieder, mein jüngeres Ich. Haar- und Augenfarbe sind die gleiche, mein Gesicht hat sich kaum verändert – schmaler ist es schon. Aus der Küche höre ich das Radio, es spielt diesen Song, den ich damals so geliebt habe. Erst lächele ich nur, dann muss ich schallend lachen. Für einen Moment rücken meine Aufgaben und Pläne für den Tag in den Hintergrund und ich muss an meine alten Träume denken. Einige sind noch immer die gleichen, andere konnte ich bereits in die Tat umsetzen. Ich gucke mein jüngeres Ich herausfordernd an und es reicht mir die Hand – ich ergreife sie und finde mich in einer Achterbahnfahrt der Erinnerungen wieder. Die Fahrt ist rasend schnell, viel ist geschehen, so wenig Zeit theoretisch vergangen. Ich sehe die Gesichter alter Freunde wieder, laufe mit ihnen an warmen Sommertagen durch son­nige Straßen, sitze am Laptop und schreibe mit einer guten Freundin, unterhalte mich mit meinem besten Freund über meine kleinen Geheimnisse und lache insgeheim über meine naiven Vorstel­lungen. Mit Höchstgeschwindigkeit fahre ich durch die halsbrecherischen Loopings meiner Vergan­genheit, gelange zu meinen Hoch- und von dort zu schnell zu meinen Tiefpunkten. Keuchend stehe ich wieder vor dem Spiegel und blicke mein Spiegelbild an. Ich sehe, dass es lächelt. Es hat ja auch Spaß gemacht. Ich gehe zurück in die Küche, der Kaffee ist noch heiß, im Radio läuft noch immer mein alter Lieblingssong, doch ist er in seinen letzten Zügen.

Melancholisch trinke ich einen Schluck Kaffee, den ich vor nicht allzu langer noch nicht so recht mochte. Wie jede Ach­terbahnfahrt war auch diese zu schnell vorbei, was bleibt, sind das gute Gefühl und die Frage, was aus all den Menschen geworden ist, deren Weg ich kreuzen durfte.