Sonntag, 13. Dezember 2015

Wieder Weihnachten (Lebenswege, Part III)

Er konnte kaum glauben, dass wieder Weihnachten war. Eigentlich sprach noch nichts dafür, dass die besinnliche Zeit im Jahr begonnen hatte, schließlich waren draußen noch zwölf Grad und Weihnachtslieder wurden im Radio immer noch eher selten gespielt. Er hatte extra nachgesehen, bisher hatten es erst drei Weihnachtslieder in die Charts geschafft. Natürlich waren es die ewigen Dauerbrenner, zu denen ausgerechnet seine ewige Hassliebe von Mariah Carey gehörte, die jedes Jahr wieder erzählte, sie habe nur diesen einen Wunsch zu Weihnachten. Nicht mal Schnee werde sie sich wünschen und sie werde unter dem Mistelzweig warten. Oh, wie sehr er dieses Lied doch hasste und zugleich liebte. Er hasste es, weil es ihn jedes Jahr wieder ergriff. Und er liebte es, weil er sich das, was sie da besang, auch jedes Jahr aufs Neue erhoffte. Jedes Jahr wieder wünschte er sich, dass es ein Mädchen gäbe, welches nur auf ihn wartete. Und jedes Jahr war es das gleiche Mädchen, das auf ihn warte sollte. Es war, als lege Mariah einen Schalter um und von Null auf Hundert war alles wieder da, was er eigentlich versucht hatte zu zerstreuen. Vorbei war es dann mit seinen Versprechen sich selbst gegenüber, dass sie doch nur Freunde seien und dass sie sowieso nicht zueinander passten. Vorbei mit seiner Distanz und der Unbeschwertheit. Er ärgerte sich, dass er auch dieses Jahr nicht verschont blieb, obwohl es sich nicht nach Vorweihnachtszeit anfühlte. Dann wäre es zumindest etwas erträglicher. Verdammt, das war doch nicht fair! Es lief alles so gut zwischen ihnen, ja, es lief besser denn je! Warum konnte er es einfach nicht akzeptieren, dass sie seine Gefühle nicht erwiderte und sie niemals erwidern würde? Warum konnten sie nicht einfach auch von ihm aus Freunde sein, über gute Filme und Musik reden und den langweiligen Unterricht interessant lachen? Denn er wusste ganz genau, dass er, selbst wenn seine Träume wahr werden würden, auf lange Sicht nicht glücklicher wäre. Ihm war klar, dass ihre Beziehung kein Leben halten würde. Als Freunde harmonierten sie gut, weil sie ihre Freundschaft unkompliziert gestalteten und einander keine Rechenschaft schuldeten. Doch wären sie erstmal zusammen, würden sie wieder all ihre Differenzen sehen und am Ende würde es nichts als einen Scherbenhaufen zwischen ihnen geben. Ihm ist klar, dass er das mit aller Macht verhindern muss. Vor nicht allzu langer Zeit hatten sie bereits an diesem Punkt gestanden und dass daraus ihre neue Freundschaft erwachsen war, war für ihn ein kleines Wunder. Ja, er gestand sich gerne ein, dass er ihr nahe sein wollte, dass alles in ihm schrie, wenn er ihr gegenüber stand. Doch, was konnte er schon tun? Wenn er sich diesem Verlangen wieder hingab, würde er alles verlieren. Es würde ihnen kein drittes Mal gelingen, vorn vorne anzufangen und sie beide hatten ihre zweite Chance schon längst verbraucht. Das Kribbeln in seiner Brust verschwand und wich einer tiefen Frustration. Er hätte nicht herkommen dürfen. Es war falsch. Doch er hatte bereits geklingelt und konnte nicht mehr weg. Eine Silhouette erschien hinter Tür. Ein Schlüssel wurde gedreht, die Tür ging auf. Sie lächelte ihn verwundert an. Und er war verloren.

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Sie hat den Film auch nicht gesehen

Als ich das Kino betrete, rutscht mir das Herz in die Hose. Bis gerade eben hatte ich mich sehr auf diesen Nachmittag gefreut, seit Wochen habe ich auf diesen Film gewartet und alles stehen und liegen gelassen, um mit Mike heute hier zu sein. Doch sie ist auch hier. Dort sitzt sie, sie hat bereits ihr Popcorn und eine Cola. Sie ist mit ihrer besten Freundin Nika hier. Mike hat sie noch nicht bemerkt, er ist schnurstracks unterwegs zu den Kassen. Hätte er sie bereits gesehen, würde er mich nun aufziehen. Von einem möglichen Doppeldate würde er mit mir sprechen, mich versuchen zu überreden, herauszufinden, was die beiden gucken wollen. Allerdings glaube ich nicht, dass es das was herauszufinden gäbe, sie hat den gleichen Filmgeschmack wie ich und wird Nika überredet haben, mitzukommen. Der Verkäufer zeigt uns die beiden freien Plätze. Der Saal ist gut gefüllt, wir werden wahrscheinlich nicht neben ihnen sitzen, denke ich mir. Erst als wir uns mit den Karten in der Hand umdrehen, um uns Popcorn zu holen, sieht Mike die beiden. Er guckt mich an und nickt zum anderen Tresen. Gut so, hier wären sie in Hörweite. "Keine Angst, man." sagt er, "die gucken bestimmt den gleichen Film wie wir" Ja, das ist zu befürchten, denke ich mir, während das Chaos in mir tobt. "Und wenn sie den gleichen Film gucken", sagt er, "steht die Chance, dass sie neben dir sitzt nur 1:109." Wo er recht hat, hat er leider recht, denke ich mir. "Falls Nika neben dir sitzt", schiebt er nach, "tauschen wir die Plätze." Innerlich schüttele ich den Kopf, verwende aber meine Konzentration darauf, die beiden nicht aus den Augen zu lassen. Haben sie uns denn noch nicht bemerkt? Wir kaufen unser Popcorn und eine Cola, ich sehe zu den beiden Mädchen, die noch immer in ihr Gespräch vertieft sind und uns nicht bemerkt zu haben scheinen. Mike muss noch mal aufs Klo, das wird ziemlich knapp, aber wenigstens müssen wir dann den Gang um die Ecke betreten. Auf der einen Seite hoffe ich, dass wir uns irren, sie in einem anderen Film oder zumindest nicht neben uns sitzen. Sie würde wieder ihr Spiel mit mir spielen. Auf der anderen Seite habe ich beschlossen, nicht mehr mit mir spielen zu lassen und den Spieß umzudrehen. Mike kommt und tatsächlich betreten wir fünf Minuten nach Beginn der Vorstellung den Saal, es läuft eine Werbung für eine Bank. Wir schieben uns durch unsere Reihe, es ist wirklich sehr voll, und lassen uns auf unsere Sitze fallen. Ich entspanne mich kurz, stelle meine Cola in die Halterung rechts von mir und sehe sie. Nein, es reicht nicht, dass sie wahrscheinlich den gleichen Film sieht, natürlich muss ich jetzt auch neben ihr sitzen. Nicht nur mein Herz auch ich rutsche dieses Mal ein ganzes Stück nach unten und gucke schnell wieder auf die Leinwand. Dahin ist mein Plan, den Spieß umzudrehen. Verdammt, was soll sie denn von dir denken, schelte ich mich und setze mich wieder gerade auf. Gucke wieder zu ihr. Sie sieht mich, Überraschung liegt in ihrem Blick und wir nicken einander zu. Mike hat mittlerweile auch bemerkt, dass sie dort ist und symbolisiert mir, ich solle mich auf den Film konzentrieren. Das versuche ich auch. Zwei Stunden lang versuche ich, mich auf dieses Spektakel zu konzentrieren, dass mir geliefert wird, doch in Gedanken bin ich nur bei ihr. Ihr Arm liegt ganz locker auf der Lehne, mit ihrem Ellenbogen berührt sie meinen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, ihre Hand zu nehmen. Stelle mir vor, wie es wäre, zu ihr rüber zu sehen, festzustellen, dass sie es auch macht und sie dann irgendwann zu küssen. Doch es bleibt nur bei der Vorstellung. Der Film endet und es ist nichts geschehen. Ich mag es nicht wahr haben, da war sie, meine Chance. Die Chance, über die wir sogar schon gesprochen haben - und ich habe sie nicht genutzt. Mike strahlt mich an, er hat den Film vollkommen genossen. Erst traue ich mich nicht so recht, nach rechts zu sehen, dann aber werde ich angetippt. Nika ist in die andere Richtung unterwegs, ist schon fast am anderen Ende der Reihe, aber Kim steht vor mir und grinst mich an. Ich hasse und liebe dieses Grinsen gleichzeitig. Sie möchte mich provozieren, verspottet und verhöhnt mich, ohne etwas zu sagen! Ich stehe auf und nehme sie in den Arm. "Du packst es einfach nicht", flüstert sie mir ins Ohr und zwinkert mir zu. Sie hat Recht. Wäre ich cooler, müsste ich sie jetzt festhalten und küssen. Mich ihr entgegen stellen, meinen Mut beweisen und einen Höhepunkt setzen. Sie wartet noch kurz und geht dann. Da war sie, meine Chance den Spieß umzudrehen. Ich kann mich nicht bewegen, denn mir wird klar: Sie hat den Film auch nicht gesehen.

Sonntag, 13. September 2015

Das Rauschen des Meeres

Schön ist es hier. Wahrlich schön. Findest du nicht auch?“ Sie antwortet ihm nicht. „Ich finde, es ist wahrlich idyllisch. Dort hinten spiegelt sich der Mond, er strahlt wirklich schön heute Nacht. Findest du nicht auch?“ Wieder antwortet ihm nur das Schweigen. „Ich finde, es hat etwas Magisches, gar erfüllendes, dem Meer zu lauschen. Wie die Wellen heranrollen und sich dann am Strand brechen. Die Wellen sind ja auch nicht hoch, wären sie höher, wir würden nicht hier sitzen, nicht wahr?“ Er muss lachen, sie schweigt. „Weißt du, dass ich ein ausgesprochen talentierter Schwimmer und gutaussehender Surfer bin? Du hättest mich mal sehen sollen…“ Er verfällt kurz in Schweigen, guckt zu Boden. „Wenn dir kalt ist, musst du es mir sagen. Ich kann dir zwar nicht meine Jacke geben, dann wäre mir ja selbst kalt, das versteht du sicher, aber mir fällt schon etwas ein.“ Doch sie sagt nichts. Während er dort mit angezogenen Beinen im Sand sitzt, zuckt seine Hand hin und her. „Weißt du, so geht das nicht. Ich kann nicht die ganze Zeit alleine reden. Sag doch auch mal was. Das wird bestimmt lustig.“ Sie antwortet nicht, er nickt. Nickt immer heftiger, sagt nur: „Ja.“ Er guckt von links nach rechts und wieder zurück. Seine Hand zuckt wieder. „W-w-weißt du, was ich für dich empfinde? Es bedeutet mir so viel, dass du hier mit mir bist. Ja, das macht dich zu etwas ganz Besonderem.“ Er ist still, wartet auf eine Antwort. „Oh, gucke mal, wie schön die Sterne leuchten! Ich wette sie leuchten nur für uns.“ Doch sie sieht nicht hin, schweigt weiter. „Mädchen und ich, Frauen und ich, das hat noch nie so gut gepasst, weißt du? Keine hat bisher gesehen, was ich für ein netter Typ bin, wahrscheinlich haben sie mich einfach nicht verdient. Nein, sag jetzt nichts, sie konnten mir noch nie wehtun. Tief in mir wusste ich schon immer, dass es eine geben wird, die mich wertschätzt.“ Er nickt wie zur Bestätigung, doch von ihr kommt keine Antwort, sie schweigt. „Du bist diejenige, da bin ich mir ganz sicher. Ja, ja, ja, so muss es sein! Dass du und ich, wir, jetzt hier sind, hier! Am Strand! Das, das ist Zeichen, weißt du? Der Mond scheint so hell, die Sterne strahlen und das Meer, es klingt wundervoll.“ Er wartet, sie schweigt. Seine Hand rutscht vom Knie auf den Sand. Tastet sich zu ihrer Hand. Ergreift sie. „Deine Hand, sie ist ja ganz kalt! Du Dummerchen, warum sagst du denn nichts? Ich rede und rede und rede mit dir, doch du sagst nichts.“ Als sie wieder nicht antwortet, dreht er sich zu ihr um, sieht sie direkt an. „Deine Haut, sie ist ganz bleich! Geht es dir nicht gut? Kalt und bleich, warum schweigst du? Seit vorhin hast du nichts gesagt, warum schweigst du? Ich habe getan, was ich konnte, warum siehst du mich so anklagend an? Du bist wieder sauber, was willst du noch?“ Doch sie schweigt. Sie schweigt und sieht ihn nicht an. Er versucht ihre Hand zu öffnen, die sie zu einer Faust geballt hat. Doch die Finger lassen sich nicht bewegen. Sie sind schon lange kalt.

Dienstag, 23. Juni 2015

Der Sprung


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Die Menge hatte ihren Rhythmus gefunden. Erst waren es nur Wenige, die üblichen Verdächtigen eben, die mich schon immer schikaniert und ausgegrenzt hatten. Sie hatten mir mein Buch genommen und gelacht, ich solle mal meinen fetten Arsch bewegen. Es wurden mehr und mehr, als nächstes stimmten die Freundinnen und die, die es gerne wären, in den Chor mit ein. So zog es seine Kreise.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Es ging mir nicht aus dem Ohr. Egal woran ich dachte, egal was ich sagte, ich kam nicht vom Felsvorsprung weg. Ich hatte es ihnen beweisen wollen. Ich war also aufgestanden, nahm all meinen Mut zusammen, und sagte ihrem Anführer ruhig, er möge mir das Buch wiedergeben. Doch er lachte nur.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Und so fasste ich einen Entschluss. Ich ging einen Weg hinauf, der zum höchsten Felsvorsprung am Badesee führte. Da hatte noch keiner geschrien, niemand gelacht, es waren auch noch keine Wetten abgeschlossen worden. Erstaunt hatten sie mir hinterher gesehen, nicht gewusst oder geglaubt, was ich vorhatte.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Ich stand dort oben, bestimmt 20 Meter über dem blauen See. Ich sah hinab und mir wurde schwindelig. Die Angst packte mich, ich wusste, ich würde es nicht packen. Anstatt es ihnen zu beweisen, würde ich endgültig zum Gespött. Ich drehte mich um, doch viele waren mir gefolgt, sie wollten das Spektakel aus nächster Nähe sehen. Am Strand und an anderen Felsvorsprüngen konnte ich sie sehen. Verachtete sie, weil sie gafften.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Keiner von ihnen war bisher von dieser Höhe gesprungen, doch ich hörte die ersten „Feigling!“ und „Versager!“ Rufe. Ich sah zu meinen Freunden hinab, sie waren nicht nach oben gefolgt. So wie ich waren sie Opfer, Ausgegrenzte, sie hätten befürchten müssen, die nächsten zu sein. Ich sah ihren Kummer, ihr Mitleid und ihre Machtlosigkeit. Ich konnte das Getuschel hören, Beträge, die abgeschlossen wurden.


Spring! Spring! Spring! Spring!“

Da hoffte ich, dass ich es mir nur einbilde, doch die Menge rückte näher, da bin ich mir mittlerweile sicher. Instinktiv machte ich einen Schritt zurück. Es fehlte nicht viel, ich wäre fast gefallen. Einen kurzen Moment wurde es still, einige schienen schockiert. Ob sie wohl realisierten, was sie mir antaten? Doch die Wichtigen und Coolen feuerten sie an. Sie wurden frenetischer als zuvor.

Spring! Spring! Spring! Spring! Spring! Spring! Spring! Spring!“

Sie kreischten und jubelten, als ich mich umdrehte und meine Muskeln anspannte. Meine Angst war riesengroß. Ich warte, flüsterte einmal gemeinsam mit der Menge „Spring!“.

Und sprang.

Der Sturz war schnell, auch wenn mir die Sekunden langsam vorkamen. Die Menge verstummte, raunte, jubelte, kreischte, drehte durch.


Erst spülte ich das kalte Wasser. Dann den schlimmsten Schmerz. Schließlich nur noch schwarze Leere.

Mittwoch, 17. Juni 2015

Erinnerungen


Ich komme aus der Dusche, vom warmen Wasser sind die Scheiben und die Spiegel beschlagen. Ich wische über den Spiegel, doch was ich sehe, bin nicht ich. Moment, das bin ich, nur um Jahre jünger. Ich blinzle, das Spiegelbild ist wieder das Erwartete. Ich schüttele den Kopf, ziehe mich an, doch der Eindruck und der Gedanke verschwinden nicht. Ich mache mir einen Kaffee, lasse ihn aber stehen, und gehe zurück ins Badezimmer. Das ist es wieder, mein jüngeres Ich. Haar- und Augenfarbe sind die gleiche, mein Gesicht hat sich kaum verändert – schmaler ist es schon. Aus der Küche höre ich das Radio, es spielt diesen Song, den ich damals so geliebt habe. Erst lächele ich nur, dann muss ich schallend lachen. Für einen Moment rücken meine Aufgaben und Pläne für den Tag in den Hintergrund und ich muss an meine alten Träume denken. Einige sind noch immer die gleichen, andere konnte ich bereits in die Tat umsetzen. Ich gucke mein jüngeres Ich herausfordernd an und es reicht mir die Hand – ich ergreife sie und finde mich in einer Achterbahnfahrt der Erinnerungen wieder. Die Fahrt ist rasend schnell, viel ist geschehen, so wenig Zeit theoretisch vergangen. Ich sehe die Gesichter alter Freunde wieder, laufe mit ihnen an warmen Sommertagen durch son­nige Straßen, sitze am Laptop und schreibe mit einer guten Freundin, unterhalte mich mit meinem besten Freund über meine kleinen Geheimnisse und lache insgeheim über meine naiven Vorstel­lungen. Mit Höchstgeschwindigkeit fahre ich durch die halsbrecherischen Loopings meiner Vergan­genheit, gelange zu meinen Hoch- und von dort zu schnell zu meinen Tiefpunkten. Keuchend stehe ich wieder vor dem Spiegel und blicke mein Spiegelbild an. Ich sehe, dass es lächelt. Es hat ja auch Spaß gemacht. Ich gehe zurück in die Küche, der Kaffee ist noch heiß, im Radio läuft noch immer mein alter Lieblingssong, doch ist er in seinen letzten Zügen.

Melancholisch trinke ich einen Schluck Kaffee, den ich vor nicht allzu langer noch nicht so recht mochte. Wie jede Ach­terbahnfahrt war auch diese zu schnell vorbei, was bleibt, sind das gute Gefühl und die Frage, was aus all den Menschen geworden ist, deren Weg ich kreuzen durfte.

Mittwoch, 6. Mai 2015

Das "Etwas"


Einst begab es sich, dass sich ein Jüngling aufmachte, die Welt zu erkunden, und etwas zu finden, von dem er nur schemenhaft wusste, was er war, etwas, von dem er bisher nur in Erzählungen gehört hatte.


Angefangen hatte Alles mit seinem Vater, der ihm sagte, es gebe da etwas, wofür es sich zu streben lohne. Der Jüngling war da noch im jungen Kindesalter, wusste diesen Rat nicht recht einzuordnen, vor allem weil sein Vater in das altbekannte Schweigen fiel, als er ihn danach fragte.

Den nächsten Hinweis hatten ihm Freunde geliefert, die sagten, sie würden spüren, dass da noch etwas auf sie warte, es etwas geben müsse, wofür es sich lohne zu leben, zu lernen, zu arbeiten und zu sterben. Das hatte ihn wieder angetrieben zu forschen, zu fragen, doch noch immer wusste er nicht, was dieses "Etwas" sein sollte.

Den letzten Rat erhielten, der zu seiner Klasse sagte, man müsse reisen, um Großes und Vollkommenheit zu erreichen.


So brach der Jüngling an seinem 18. Geburtstag auf, um dieses "Etwas" zu finden,  er überquerte die tiefsten Flüsse, sprang von den höchsten Wasserfällen, rannte durch die dichtesten Wälder, kämpfte mit den stärksten Bären, bestieg die höchsten Berge, arbeitete sich durch die dunkelsten Tunnel, sprach mit den intelligentesten Gelehrten, küsste und schlief mit den schönsten Frauen, doch musste er in den sieben Jahren seiner Reise feststellen, dass er nichts gefunden hatte, keinen Schatz, kein Wissen, keinen besonderen Ruhm und auch keinen Ruheort.


Er kehrte zurück zu seinem Geburtsort, sprach mit seinen alten Freunden. Sie alle hatten etwas erlebt, einen Beruf gelernt, eine Frau gefunden, ein Haus gebaut und sogar schon Kinder in die Welt gesetzt.

Fragte er sie nach dem "Etwas", nach dem sie streben sollten und wollten, sagten sie alle, es gefunden zu haben, doch was ihn verwirrte, war, dass sie alle etwas anderes benannten: "Es ist eindeutig mein Hof!", "meine Frau!", "meine Tochter!", "Geld!", "Leben!", "Familie!".

Nach diesen Gesprächen nahm der junge Mann nachdenklich platz, keiner von ihnen hatte erlebt oder geschafft, was er aus seinem Leben gemacht hatte, sie waren nicht gereist, hatten nicht versucht, Großes zu erreichen, und trotzdem meinten sie, vollkommen zu sein.


Er entschied sich, einen letzten Versuch zu wagen, und seinen Vater zu fragen, was dieser vor nun zwanzig Jahren gemeint habe, er musste es wissen.

Seine Familie freute sich sehr, ihn zu sehen, doch hatte er kaum Ruhe und Rast, um die beiden kleinen Zwillinge zu betrachten, die er als Schwestern bekommen hatte, sondern setzte sich mit seinem Vater. Erst schwiegen sie, bis der junge Man platzte, ihm alles erzählte, bis ins kleinste Detail, und ihn abschließend fragte, was er falsch gemacht habe. Sein Vater starrte ihn an, brummte, zündete sich eine Zigarette an, wie er es so oft tat, und schwieg, schwieg, schwieg. Der junge Mann wollte schon aufgeben, sich erheben, seine neuen Geschwister kennenlernen, als sein Vater ihm am Arm festhielt und sagte, es gebe keinen Gegenstand, den er finden, keinen Ruhm, den er erlangen, und auch keine Eigenschaft, die er sich aneignen könne, die das Leben ausmache.

Erschüttert setzte sich der junge Mann, war alles vergeblich gewesen? Doch erkannte er und war froh, dass sein Vater schwieg. Das, was ihn ausmachte, war nicht dort draußen in der Welt, es war bereits in ihm.


Drei Tage später brach er wieder auf, denn das Abenteuer war dieses "Etwas", das er immer finden wollte.


Montag, 4. Mai 2015

Ich will nur dein Gesicht sehen

Wie schnell darf ich hier fahren? 120. Geht in Ordnung. Vor mir? Alles frei... hinter mir auch. Ziemlich leer hier, sonst sind hier mehr Idioten. Wonach riecht sie bloß? Süßlich frisch und angenehm... nicht mal mein Bäumchen kann ich mehr riechen. Muss ich nicht schon die nächste Abfahrt nehmen? Nein, nein, noch sehe ich keine Möwen, aber dann, dann schmecken wir das Meer. Was denkt sie jetzt von mir? Hätte sie lieber einen anderen bei sich? Ich kenne sie kaum, aber sie scheint mich zu mögen, wäre sie sonst mitgekommen? Wo habe ich meine Sonnenbrille, die Sonne steht bereits so tief... ihre Haare glitzern wie Gold, habe ich je etwas so Schönes gesehen? Warum guckt sie die ganze Zeit aus dem Fenster? Sieh mich an! Schenke mir ein Lächeln! Aber warum schreit sie auf einmal so? Ich bin bereit zu bremsen, ich will nur de

Montag, 23. Februar 2015

Teufelsritt

Oh, so stehe ich hier in der Natur,
Dort fährt die Strassenbahn in ihrer Spur,
Doch fraglich ist, wo hält sie denn nur?

Nun steig' ich ein in diese Bahn,
Kinder, Männer, Frauen sitzen hier,
Kaum bekomme ich Luft, warm umfasst es mich,
Es fühlt sich an wie ein schlimmer Wahn.
Langsam, langsam fährt sie an,
Nun beschleunigt sie, schnell, schnell.
Säulen, Mauern, Tafeln, Fassaden sehe ich,
Knister, Knister,
Draußen funkt es sehr!
Überlebe ich das bloß!
Gleich wird sie halten.

So stürze ich hinaus ins Freie schnell,
War mir alles viel zu teuflisch und grell.
Aber ob ich das wieder mache?
Hab' nun Angst, dass ich nicht mehr erwache.


Dieses Gedicht wurde vom Denkenden und vom Philosophierenden im Rahmen des Deutschunterrichts gemeinsam verfasst. Es soll die Wahrnehmung der schnellen Innovationen und die damit einhergehenden Gefühle im frühen 20. Jahrhundert widerspiegeln.